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Pflege

Pflege zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit. Warum operative Nähe und gute Führung heute wichtiger sind als reine Größe

Ein Fachinterview zwischen Marlon Schramm, Head of Healthcare Germany bei Christie & Co, und Michael Rehnen, Geschäftsführer der Seniorenresidenz am Schloss Stein

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Marlon Schramm

Marlon Schramm

Head of Healthcare Germany

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Die Seniorenresidenz am Schloss Stein steht exemplarisch für eine Pflegeeinrichtung, in der stationäre Versorgung nicht als isolierte Dienstleistung verstanden wird, sondern als Teil eines ganzheitlichen Wohn- und Betreuungskonzepts. In historischer Umgebung gelegen und bewusst in das lokale Umfeld eingebunden, verbindet die Einrichtung stationäre Pflegeangebote mit betreuten Wohnungen. Im Mittelpunkt stehen dabei Nähe, Alltagstauglichkeit und eine klare soziale Verankerung vor Ort.

Michael Rehnen verantwortet die Seniorenresidenz seit einem Jahr als Einrichtungsleiter Seine tägliche Arbeit ist geprägt von den zentralen Herausforderungen des Pflegemarktes: wirtschaftliche Stabilität bei steigenden Kosten, der Umgang mit Fachkräftemangel, zunehmende Pflegeintensitäten sowie die Aufgabe, trotz regulatorischer Vorgaben eine menschliche und wertschätzende Pflegekultur zu erhalten. Die Einrichtung umfasst insgesamt 197 betreute Wohnungen sowie 35 vollstationäre Pflegeplätze und stellt damit hohe Anforderungen an Führung, Organisation und operative Steuerung.

Zugleich bringt Rehnen über 18 Jahre Erfahrung aus der Konzernwelt mit. Als ehemaliger Einrichtungsleiter bei Korian, heute Teil der europaweit tätigen Clariane Gruppe, kennt er die Strukturen, Prozesse und Vorteile großer Betreiberorganisationen ebenso wie deren Grenzen.

Diese doppelte Perspektive – Konzernrealität auf der einen, und operative Verantwortung in einer mittelständisch geprägten Einrichtung auf der anderen Seite – macht seine Einschätzungen besonders relevant für Betreiber, Eigentümer und Investoren.

Vor diesem Hintergrund spricht Marlon Schramm, Head of Healthcare Germany bei Christie & Co, mit Michael Rehnen über die Frage, was Pflegeeinrichtungen heute wirklich erfolgreich macht: Wo endet die Wirkung von Skaleneffekten? Welche Rolle spielen Führung und Unternehmenskultur? Und warum entscheiden sich Auslastung, Mitarbeiterbindung und langfristige Stabilität nicht in der Zentrale, sondern im Alltag der Einrichtung?

Marlon Schramm: Herr Rehnen, Sie kennen sowohl große Konzernstrukturen als auch kleinere Betreiberorganisationen. Wo erleben Sie aktuell den größten Druck in der stationären Pflege?

Michael Rehnen: Der wirtschaftliche Druck ist überall spürbar, äußert sich aber sehr unterschiedlich. Große Konzerne profitieren von strukturierten Prozessen, klaren Entscheidungswegen und finanzieller Sicherheit. Kleinere Betreiber sind dagegen flexibler, müssen sich aber stärker auf Erfahrung und operative Nähe verlassen. Kritisch wird es unabhängig von der Größe immer dann, wenn Auslastung und Liquidität aus dem Gleichgewicht geraten.

Aus meiner Erfahrung wird es unterhalb einer Auslastung von etwa 94 Prozent wirtschaftlich anspruchsvoll. In gut geführten Einrichtungen liegen wir deutlich darüber.

Marlon Schramm: Ab wann wird wirtschaftlicher Druck aus Ihrer Sicht konkret gefährlich für die Pflegequalität?

Michael Rehnen: Gefährlich wird es, wenn wirtschaftlicher Druck dazu führt, dass Personal nicht nachbesetzt, Investitionen verschoben oder Führungskräfte dauerhaft überlastet werden. Pflegequalität entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis stabiler Rahmenbedingungen. Wirtschaftlichkeit ist deshalb keine Gegenspielerin der Pflege, sondern ihre zwingende Voraussetzung.

Marlon Schramm: Hat sich der Pflegealltag in den vergangenen Jahren spürbar verändert?

Michael Rehnen: Sehr deutlich. Bewohner ziehen heute deutlich später in stationäre Einrichtungen ein, sind älter und weisen eine höhere Pflegeintensität auf. Gleichzeitig steigen die Erwartungen der Angehörigen – an Transparenz, Kommunikation und Qualität. Hinzu kommen umfangreiche Dokumentationspflichten. Führungskräfte verbringen heute erheblich mehr Zeit mit Administration als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.

Marlon Schramm: Ist gute Pflege heute stärker eine Frage der Führung als der Finanzierung?

Michael Rehnen: Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Ohne finanzielle Stabilität funktioniert kein Betrieb. Aber selbst gut ausgestattete Häuser können scheitern, wenn Führung und Unternehmenskultur nicht stimmen. Der Unterschied zeigt sich fast immer in der Haltung der Leitung: Präsenz, Wertschätzung, klare Kommunikation und das ehrliche Interesse an Mitarbeitenden machen langfristig den Unterschied.

Marlon Schramm: Wie gelingt es, trotz Kostendruck eine gute Atmosphäre im Haus zu erhalten?

Michael Rehnen: Das hängt maßgeblich von der Führung ab. Mitarbeitende müssen wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Führungskräfte müssen präsent sein, zuhören und Orientierung geben. Unternehmenskultur ist kein weicher Faktor, sondern operativ entscheidend.

Marlon Schramm: Wird die operative Führung von Pflegeeinrichtungen unterschätzt?

Michael Rehnen: Definitiv. Ein gutes Management kann auch eine ältere Immobilie erfolgreich betreiben. Umgekehrt hilft die beste Immobilie nichts, wenn das Management nicht funktioniert.

Marlon Schramm: Der Markt diskutiert intensiv über Größe, Zentralisierung und Skaleneffekte. Wie bewerten Sie diese Entwicklung in der Praxis und aus operativer Sicht?

Michael Rehnen: Skaleneffekte haben ihre Berechtigung – insbesondere im Einkauf, in der IT oder im Controlling. Große Betreiber können hier Vorteile realisieren, die kleinere Organisationen nicht haben. Gleichzeitig entstehen in zentralisierten Strukturen längere Entscheidungswege. Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag: Der Austausch defekter Ausstattung oder technischer Geräte kann in großen Strukturen Wochen dauern, während kleinere Betreiber sofort reagieren können.

Marlon Schramm:  Ist es heute entscheidender, nah dran zu sein, als groß zu sein?

Michael Rehnen: In vielen Fällen ja. Pflege entscheidet sich nicht in der Zentrale, sondern auf der Station. Mitarbeitende merken sehr genau, ob Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die ihren Alltag kennen. Diese Glaubwürdigkeit wirkt sich direkt auf Motivation, Bindung und letztlich auch auf die Auslastung aus.

Marlon Schramm: Worauf sollten Investoren heute stärker achten als noch vor fünf Jahren?

Michael Rehnen: Kennzahlen bleiben wichtig, aber sie erklären nur einen Teil der Realität. Investoren sollten sich intensiver mit dem operativen Betrieb beschäftigen: Wie wird geführt? Wie ist die Stimmung im Team? Wie stark ist die Einrichtung regional eingebunden?

Marlon Schramm: Werden mittelständische Betreiber aus Investorensicht unterschätzt?

Michael Rehnen: Aus meiner Sicht ja. Regionale Betreiber sind oft sehr eng mit Kommunen, Schulen und lokalen Netzwerken verbunden. Diese Verwurzelung sorgt für Mitarbeiterbindung und Akzeptanz vor Ort. Das lässt sich nicht immer sofort in Excel-Modellen abbilden, ist langfristig aber enorm wertvoll.

Marlon Schramm: Wo sehen Sie trotz aller Herausforderungen konkrete Chancen für Betreiber?

Michael Rehnen: In professioneller Führung, realistischen Größenordnungen und partnerschaftlicher Zusammenarbeit. Einrichtungen mit etwa 60 bis 80 Plätzen sind häufig gut steuerbar. Zusätzlich bieten Kooperationen – etwa in Einkaufsverbünden oder bei der Personalentwicklung – die Möglichkeit, wirtschaftliche Vorteile zu realisieren, ohne operative Nähe zu verlieren.

Marlon Schramm: Genau hier sehen wir bei Christie & Co unsere Rolle – nicht nur als Immobilienberater, sondern als Übersetzer zwischen operativer Realität und Investorenperspektive. Nachhaltige Pflegeimmobilien entstehen dort, wo Betreiberqualität und Immobilie gemeinsam gedacht werden.

Die Zukunft der Pflege entscheidet sich nicht an reiner Größe oder moderner Bausubstanz, sondern an Führung, Nähe und operativer Realität. Für Investoren, Eigentümer und Betreiber gilt gleichermaßen: Wer Pflegeimmobilien nachhaltig entwickeln oder bewerten möchte, muss den Betrieb verstehen – nicht nur die Immobilie.

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